Schlangenbach trennte und vereinte zugleich

Jubiläum Reichsstädter und Stiftsstädter bauten ab dem 15. Jahrhundert Wasserkanäle zum Antrieb von Maschinen. Doch bis zur Vereinigung 1818 war das System immer wieder Grund für Streitigkeiten

Stollen

VON KERSTIN SCHELLHORN

 Kempten Zuletzt war der Schlangenbach im Gespräch, als der Hildegardplatz umgestaltet wurde. Bei archäologischen Untersuchungen wurde ein Teil des Kanals, dessen Wasser einst die Maschinen der Betriebe in der Stadt zum Laufen brachte, offen gelegt. Nun rechtfertigt das Stadtjubiläum "200 Jahre vereintes Kempten", dass ihm noch einmal Aufmerksamkeit geschenkt wird. Denn die Geschichte des Schlangenbachs ist auch die Geschichte der Stadt Kempten.

Sowohl Reichs‑ als auch Stiftsstädter erbauten ab dem 15. Jahrhundert das Kanalsystem. Sie stritten jedoch darum, gönnten sich gegenseitig keinen Tropfen des so wichtigen Wassers. Doch je mehr die Stadt nach 1818 zusammenwuchs, desto weniger Konflikte gab es. In den 1970er Jahren, als der Adenauerring gebaut wurde, legte die Stadt den Schlangenbach schließlich still, indem sie den Wasserzulauf umleitete. Das Kanalsystem selbst ist erhalten geblieben. Allerdings sind nicht alle Bereiche zugänglich und untersucht.

Zu denen, die sich eingehend mit der Geschichte des Schlangenbachs beschäftigt ha­ben, gehört der ehemalige Tiefbauamtsleiter Bruno Steinmetz. Der Bau zeuge, unter Berücksichtigung der damaligen technischen Hilfsmittel, von einer großen lngenieursleistung, hat er in seinen Aufzeichnungen festgehalten. Und Steinmetz muss es wissen, schließlich ist er von Beruf Bauingenieur.

Steinmetz

In seine Amtszeit fiel der Bau des Adenauerrings Anfang der 1970er Jahre. Damals war der Schlangenbach noch in Betrieb und versorgte von ursprünglich einmal 30 Werk­stätten und Mühlen zuletzt die Firma Wankmiller in der Feilbergstraße. Dort trat das Wasser aus einem im 15. Jahrhundert gebauten Stollen unterhalb des Eggener Bergs hervor und verteilte sich über teils offene, teils geschlossene Kanäle und Bachläufe in der ganzen Stadt. Steinmetz erinnert sich, dass sich viele Bürger über die offenen Wasserläufe beschwert haben und sie weg haben wollten. Also nutzte die Stadt die Gelegenheit und leitete das Wasser des Schlangenbaches im Zuge der Bauarbeiten in einen Regenwasserkanal ein. Mit Ausnahme des kleinen Abschnitts zwischen dem Stollenausgang und der Firma Wankmiller war damit das Kanalsystem, das etwa 500 Jahre lang genutzt worden war, still gelegt.

Das wäre nicht passiert, hätte er damals schon geahnt, welche beeindruckende technische Leistung aufgebracht worden war, um den Schlangenbach zu errichten, sagt Steinmetz heute. Man hätte ihn parallel zum Adenauerring erhalten können. Denn einst führte der Kanal von der Feilbergstraße weiter in Richtung der heutigen Calgeer‑Anlage und versorgte dort die frühere Schreinerei Eiband. Deren Triebwerk, das Wasserrad, steht heute noch dort ‑ laut dem Schlangenbach‑Experten sind nur die Schaufeln erneuert worden.

Wann genau die Idee für das Kanalsystem geboren werde, ist unklar. Schon im 12. Jahrhundert soll Bachwasser über einen Stollen in die Stadt geleitet worden sein. Sicher ist, dass ab 1493 Wasser aus dem Wildmoosbach durch den 300 Meter langen Stollen unterhalb des Eggener Bergs in die Reichsstadt floss. „Gebaut wurde der von italienischen Mineuren“, erzählt Steinmetz. Ein Jahr später staute man den Bach im Bereich Steufzgen und schuf so den Stadtweiher. Der Vorteil war, dass man die Wasserzufuhr nun steuern konnte.

Weil der Kanal mitten durch die Stiftsstadt führte, war eines unvermeidlich: Streit. Denn den Fürstäbten entging freilich nicht, wie praktisch das Schlangenbach‑Wasser war. Sowohl 1566 als auch 1571 und 1623 unterahm das Stift Versuche, die Wassermenge zu erhöhen ‑ etwa durch die Einleitung der Rottach ‑um so auch für sich selbst Wasser zur Verfügung zu haben. Doch der Stadtrat lehnte ab.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg habe sich Fürstabt Roman Giel von Gielsberg mit großer Energie an den Neubau der Residenz gemacht, heißt es in Steinmetz' Aufzeichnungen. "Er besann sich seiner fürstlichen Macht und sperrte der Reichsstadt kurzerhand das Kanalwasser ab, um es voll für den Wiederaufbau zu nutzen."

Dieser Art Vorfälle gab es über die Jahre wohl mehrere. 1677 gelang es Fürstabt Bernhard Gustav von Baden‑Durlach dann doch, die Rottach als zusätzliche Wasserquelle in das Kanalsystem einzuleiten. Zu diesem Zweck entstanden das Heh­lenwehr und eine 750 Meter lange künstliche Kanalstrecke. 16 Jahre später legte die Stiftsstadt den Eschacher Weiher an und vervollständigte damit den Schlangenbach, dessen Wasser teils durch natürliche Bachbette, teils durch künstlich angelegte Kanäle floss.

 Annäherung in Neunteln

 1735, also 83 Jahre vor der Vereinigung der beiden Städte, kam es zu einer Annäherung in Sachen Schlangenbach: Man einigte sich darauf, dass die Reichsstadt vier Neuntel und die Stiftsstadt fünf Neuntel der Wassermenge erhalten soll. Zu Be­ginn des 19. Jahrhunderts ging das Kanalsystem in den Besitz des kur­fürstlichen Bayerns über und 1844 schließlich in den des ‑ inzwischen vereinten ‑ Kemptens.

Heute erinnern die Wasserräder an der Calgeer‑Anlage und an der Galeria Kaufhof, die kleinen Wasserläufe entlang der Residenz und in der Gerberstraße sowie Steinplatten auf dem Hildegardplatz an den Schlangenbach. Doch Bruno Steinmetz hat eine Vision, wie das Wasser tatsächlich wieder für alle sichtbar fließen könnte: Indem man den Stollen unterhalb des Eggener Bergs wieder in Betrieb nimmt und das Wasser "bei der Firma Schaller und an der Metzgerei entlang bis in die Calgeeranlage führt". Die Zukunft wird zeigen, ob die Kemptener der Geschichte des Schlangenbachs ein weiteres Kapitel hinzufügen.