Der Schlangenbach gehörte zur ersten Fernwasserversorgung

Erinnerungen an technische Leistungen vergangener Jahrhunderte

Kempten ol - Mit einer kleinen Lektion in Heimatgeschichte kann man sich seit einigen Monaten im Wartehäuschen am Adenauerring bei den Calgeer-Anlagen die Zeit vertreiben, bis der Bus kommt. Man braucht nur die Tafel zu studieren, die dort In Wort und Bild über den Schlangenbach berichtet, jenen Wasserlauf, der als Bestandteil der Kemptener Energieversorgung vergangener Jahrhunderte eine Reihe historischer Erinnerungen wachruft. So zum Beispiel auch an Fürstabt Rupert von Bodman, zu dessen großen Verdiensten um die Entwicklung der Stiftsstadt die Errichtung der ersten "Fernwasserversorgung" für unsere Stadt gehört. So Ist diese Geschichtstafel im Bus-Wartehäuschen auch ein aufschlußreicher Beitrag zum heurigen Bodman-Gedenkjahr: Vor 300 Jahren begann die Amtszeit des Fürstabts Rupert von Bodman(1678-1728). Der Schlangenbach erhielt seinen Namen vom Volksmund nicht etwa von den Schlangen, sondern weil er sich in verschiedenen Krümmungen dahinschlängelt. Vielfach auch als Stadtbach bezeichnet, ist er Bestandteil eines Kanals vom Eschacher Weiher bis hinein in die Stadt Kempten. Dieser Kanal wurde 1693 unter Fürstabt Rupert von Bodman erbaut. Er besteht teils aus künstlich angelegten Kanalstrecken, teils sind natürliche Bachstrecken, u. a. die Rottach, in die Anlage einbezogen. Die künstlichen Strecken bilden etwa ein Drittel der Kanallänge. Vor der Errichtung dieser für die damals neu entstehende Stiftsstadt lebenswichtigen Wasserversorgungsanlage gab es bereits Wasserzuführungen, die zum Teil in gleichen Trassen verliefen. So hat die alte Reichsstadt Kempten im 15. Jahrhundert einen kärglich fließenden Stadtbach „aufgebessert“, indem sie den aus je einem Bach aus der Gegend von Wirlings und Albris sowie aus Bucharts und Steufzgen sich bildenden Göhlenbach abfing und durch den Hügel von Eggen zum Feilberg und in die Iller führte. Zu diesem Zweck baute man u. a. einen 300 Meter langen Stollen durch den Eggener Berg. Etwa um die gleiche Zeit wurde der Stadtweiher angelegt, neben Eschacher Weiher und Herrenwieser Weiher der dritte "Stausee" im verzweigten System der Versorgung Kemptens mit Wasserkraft.  Ein System, in dem sich natürliche Wasserläufe mit technischen Leistungen vergangener Jahrhunderte verbinden. Nach der großzügigen Anlage des Eschacher Weihers und der Zuleitung von dessen Wasser nach Kempten durch Fürstabt Rupert von Bodman ließ das Fürststift nach Bedarf und Belieben neue Teil Mühlen und Werke an diesem Kanal errichten, obwohl sich die Reichsstadt dagegen zur Wehr setzte. Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Benützung des Stadtbaches einen Bestandteil der ewigen Streitigkeiten zwischen Reichsstadt und Stift gebildet. Besser wurde es erst durch einen Verteilungsvertrag, wonach die vier Neuntel des Stadtbachwassers erhalten sollten. Zu den rund 20 Betrieben, welche die Fernwasserkraft des Schlangenbachsystems ausnützten und die alle auf der Geschichtstafel im Bus-Wartehäuschen eingezeichnet sind, gehörte auch das Anwesen an der Feilbergstraße, an das nur noch ein Wasserrad erinnert. Der letzte Besitzer gab die Anregung zu der Tafel, Stadtarchivar Dr. Wolfgang Haberl nahm sie auf und verfasste den Text, während Karin Scheithe vom Stadtbauamt zum Zeichenstift griff.

Zeichnung